Denk ich an Deutschland-Konferenz, Berlin 2012
Wie wollen wir in Zukunft (nicht) leben?
Eine Konferenz, die neue Perspektiven aufzeigt
Die vierte Denk ich an Deutschland-Konferenz fand am 28. September 2012 in der Hauptstadtrepräsentanz der Deutschen Bank statt.
Den Deutschen geht es nicht schlecht. Im Vergleich zu ihren europäischen Partnern geht es ihnen sogar ziemlich gut; in der Krise ist der Abstand weiter gewachsen. Und doch blicken die Deutschen nicht allzu heiter in die Zukunft: Sie sorgen sich um den Wert der Währung und haben nicht viel Vertrauen in die Politik; im Gewand des Wutbürgers erklären sie Entscheidungen von Parlamenten und Gerichten für belanglos. Viele sind der Meinung, ihren Kindern werde es einmal nicht bessergehen als ihnen. Sie werden älter, weniger und, der Herkunft nach, vielfältiger. Und immer mehr Deutsche sind der Auffassung, die Musik der Zukunft werde in Asien spielen. "Es ist nicht gesetzlich verankert, dass es bei uns so weitergehen wird wie seit 1949", kommentiert die Bundeskanzlerin die Veränderungen in der Welt und deren Bedeutung für Deutschland, die Skepsis der Leute aufnehmend, aber über sie in einer optimistischeren Perspektive hinausgehend.
Hat Mut zum Risiko und baut Skipisten auf Müllverbrennungsanlagen: Der Architekt Kai-Uwe Bergmann© Jens Gyarmaty
Wie wollen wir (nicht) leben?
Gelegenheit hatte sie dazu auf dem von der Alfred Herrhausen Gesellschaft und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zum vierten Mal ausgerichteten Forum "Denk ich an Deutschland". In diesem Jahr beschäftigte es sich in Berlin mit der Frage "Wie wollen wir in Zukunft (nicht) leben?". Dieses Thema sollte den Faden weiterspinnen, den die Kanzlerin mit Fachleuten und Bürgern in den vergangenen Monaten aufgenommen hatte. Auch in Frau Merkels Zukunfts- und Bürgerdialog lautete eine Frage: "Wie wollen wir zusammenleben?" Eine knappe Antwort der Kanzlerin lautet sinngemäß: jedenfalls im engen europäischen Verbund. "Nur in einem europäischen Verbund können wir unsere Werte in der Welt einbringen und, wenigstens zum Teil, durchsetzen", sagte sie in Berlin.
Diskutieren über "Geldvermehrung ohne Gegenwert": Direktoriumsmitglied der EZB Jörg Asmussen und F.A.Z. Redakteurin Heike Göbel© Jens Gyarmaty
Geldvermehrung ohne Gegenwert?
Einen, alles in allem, optimistischen Grundakkord schlug auch Jörg Asmussen an, der Mitglied im Direktorium der Europäischen Zentralbank ist und damit der Institution, welche die Deutschen nicht liebgewonnen haben. Also sagte Asmussen: "Der Euro hat eine gute Zukunft, da brauchen wir uns nicht zu fürchten." Und auch die Furcht vor einer galoppierenden Inflation sei nicht berechtigt. Aber der frühere Staatssekretär im Bundesfinanzministerien ließ die Zuhörer nicht im Unklaren darüber, welche Wegstrecke vor den Europäern liege: Die hätten ein Jahrzehnt der Anpassung und der Reformen vor sich. Bei der Zeitprognose lassen einen die Bilder aus Athen und Madrid unwillkürlich zusammenzucken: Was passiert eigentlich, wenn ein Land aus diesem Anpassungsprogramm aussteigt, weil die Regierung dem Druck der Straße nicht mehr standhält?
Trotz ernster Themen gibt es immer wieder Grund zum Lachen: Entertainer Harald Schmidt, Moderatorin Ursula Weidenfeld, Alfred Herrhausen Gesellschaft Geschäftsführer Wolfgang Nowak© Frank Rösner
F.A.Z. Herausgeber Werner D'Inka, Leadership Professorin Johanna Mair, Autor Alexander Neubacher, Deutschlandradio Kultur Chefredakteur Peter Lange (von links)© Jens Gyarmaty
F.A.Z. Herausgeber Werner D'Inka und Co-Vorstand der Deutschen Bank Jürgen Fitschen neben der Kanzlerin© Frank Rösner
So nicht! Aber wie?
Wie werden eigentlich unsere politischen und sozialen Institutionen mit den künftigen Anforderungen fertig? Übernehmen Computer vollständig das Kommando? Ist die neue Welt grün? Wer schafft Orientierung in einer sich unablässig verändernden Welt? Der frühere Verfassungsrichter Udo Di Fabio äußerte Urvertrauen in das Parlament als Ort demokratischer Willensbildung. Er fügte mahnend hinzu, dass eine freie Gesellschaft auf die Mitwirkung vieler an der "öffentlichen Sache" angewiesen sei. Der Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte würdigte den Parlamentarismus und sah doch Bedarf an neuen Verfahren der Entscheidung und der Beteiligung: Kein Zweifel, "Stuttgart 21" wirkt nach.
Kein Zweifel auch, dass die Gesellschaft sich noch weiter ausdifferenzieren wird. Der Frankfurter Soziologe Tilman Allert sagte das Entstehen der neuen Sozialfigur des Abenteurertums voraus, das auf Distanz zu Verbindlichkeit gehe. Der Kasseler Makrosoziologe Heinz Bude widersprach und fand es bemerkenswert, wie widerstandsfähig die Deutschen seien: Die Krise hätten sie gleichmütig und dynamisch gemeistert. "Wir Deutsche sind viel elastischer, als wir glauben."
"Schöne neue grüne Welt": Peter Lange, Chefredakteur des Deutschlandradio Kultur, moderiert die Live Übertragung des ersten Panels© Jens Gyarmaty
Schöne neue grüne Welt?
Eine Glaubenssache ist für viele auch der Umweltschutz. Das meint zumindest der Autor Alexander Neubacher, der sich darüber beklagte, dass alles, was ein grünes Mäntelchen trage, subventioniert werde. Dem widersprach der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer. Im Jahr zwei nach der Energiewende sagte der Grüne, in Deutschland sei die Debatte über Umwelt und Nachhaltigkeit weitgehend entideologisiert. Im Übrigen kennt der Oberbürgermeister die Praxis: "Wir brauchen nicht beim Wasser zu sparen, aber beim Strom." Aus Wasser, Sonne und Wind könne genügend Strom erzeugt werden, "um alle unsere Bedürfnisse zu befriedigen". Palmer malte das Bild einer schönen, heilen Zukunftswelt. Der Kanzlerin gefiele es vermutlich.
Beitrag von Klaus-Dieter Frankenberger, Frankfurter Allgemeine Zeitung
Co-Vorstand der Deutschen Bank, Jürgen Fitschen© Frank Rösner
Medienpartner in Berlin:
- Übertragung des Panels "Schöne neue grüne Welt" auf Deutschlandradio Kultur [mehr]
- Zeichnung des Diskussionsverlaufs von Stefan Grafe [PDF 1,9 MB]
- Programm 2012 [PDF 395KB]
- Biographien 2012 [PDF 1,1MB]
Pressefoto mit Dame: Wolfgang Nowak, Holger Steltzner, die Kanzlerin, Jürgen Fitschen, Werner D'Inka (von links)© Frank Rösner